... Nach wie vor kommt die Spraydose zum Einsatz, wobei durch Schichtung und Überlagerung verschiedener Raster und Schablonen ornamental-vielschichtige, psychedelisch anmutende, irisierende Strukturen mit Op-Art Effekt entstehen. Ob Punktraster, Gitter, Spitzendeckchen, Vorhangstoffe oder industrielle, gestanzte Metallplatten, wie man sie etwa im Strassenbau verwendet, erzeugen eine All-Over-Struktur mit graphischen Tiefeneffekt, die je nach Dichte und Komposition an Ikonen, Mandalas, klassische Faltenwürfe oder Camouflagemuster erinnert. Es ist vor allem die Freude am Experimentieren mit den verschiedenen Techniken und Schablonen, die schier unendlichen Möglichkeiten des Kombinierens und Erprobens neuer malerischer Strukturen, die Abu Hageb reizen. So kommt bei ihm auch eine elektrische Bohrmaschine in der Malerei zum Einsatz – nicht jedoch um die Leinwand mit dem Werkzeug zu zerstören oder zu perforieren, wie Lucio Fontana oder Steven Parrino dies taten, sondern indem er einen breiten Pinsel daran befestigt und so eine ganz neue Form des maschinellen Duktus erfindet, welcher barock geschwungene, in sich gedrehte Schnüre oder dichte, strudelförmige Farbräume entstehen lässt.

Obwohl diese Arbeiten abstrakt sind, tauchen in ihnen immer wieder Assoziation zu Motiven auf, mit denen sich der Künstler in seiner Arbeit kontinuierlich beschäftigt. Manche Strukturen erinnern an Militärcamouflage, andere an Palästinensertücher. Das kommt nicht von ungefähr, denn Tarek Abu Hageb greift immer wieder Motive aus den Medien auf, Zeitungsbilder etwa, die sich mit politischer und gesellschaftlicher Realität, wie etwa dem Nahostkonflikt beschäftigen. Doch werden diese Bilder nicht eins zu eins übernommen, sonders sie tauchen eher assoziativ und abstrahiert auf, werden selbst Struktur. Auch das fremd oder anders sein in der Schweiz, was sich bei Abu Hageb zumindest im Namen ausdrückt, ist ein Thema.

Eine andere Serie von Arbeiten, mit der sich der Künstler seit längerem beschäftigt, sind in Teppichstoff mit dem Lötkolben gefräste und eingebrannte Zeichnungen. Die leicht schmuddelige Heimeligkeit und Weichheit des Materials kontrastierte mit Motiven, wie z.B. Schweizer Berghütten, Kriegsschauplätze, Waffen, oder zuletzt Szenen aus Goyas „Desastres de la Guerra“ – Letztere Abbildungen, die in ihrer Grausamkeit heute so aktuell sind wie damals, und doch in den Teppichzeichnungen zu etwas ansprechend „Schönem“ werden. Eine Pervertierung, mit der Abu Hageb bewusst spielt. Das spielerische Experimentieren mit Material, mit vorgefundenen Formen und technischer Verfremdung geht immer einher mit einer Sensibilität für gesellschaftliche Realität und aktuelle Zeitbezüge. Doch herrscht in den neuen Arbeiten insgesamt ein optimistischerer Grundton vor, die kalte mediale Realität wird durch warme, helle Farben in etwas Anderes, etwas Poetisches, ja beinahe Hoffnungsvolles verwandelt. Das aktionistische Element des Tagging und Sprayens ist darin gezähmt, wenn auch nicht gänzlich aus Abu Hagebs Arbeit verschwunden.

 

Eva Scharrer, Oktober 2008


IF I WERE ONLY A CHILD AGAIN


„Man muss zeitlebens die Welt mit Kinderaugen sehen“, appellierte Henri Matisse und entdeckte zusammen mit Wassily Kandinsky und Paul Klee die Kinderzeichnung als eine Inspirationsquelle für moderne Form- und Farbgebung. Heute übernimmt der Basler Tarek Abu Hageb diese Anschauung und präsentiert zum Thema Kindsein stilistisch und inhaltlich facettenreiche Malerei.

Für Tarek verkörpert Kindheit nicht nur Unschuld und Ehrlichkeit, sie ist die Blütezeit der authentischen ungefesselten Kreativität an sich. Für seine Comicserie studiert der Maler den Kinderduktus und setzt die Zeichnungen von seinen Kindern in eigenwilligen Kompositionen in Ölfarbe um. Gleich einer Kinderhand, belebt auch Tarek seine Disney - Protagonisten mit grober Linienführung und übernimmt die expressive Ausmalästhetik, die einem subjektiven Ausdruck folgt. In seinen Werken vereint der Künstler stilistische Gegensätze und lotet die Grenzen konventioneller Malerei aus: Zeichnung prallt auf Malerei, die intuitive Kindermalästhetik erweist sich als eine durchdachte Komposition.

Diesen Kindersprache - Bildern stellt Tarek Abbildungen mit Kindern gegenüber, die von romantischen oder bedrohlichen Traumwelten erzählen. In der ersten Version des Bildes LOOK IT ALL CAME OUT OF THE BOOK (2010) zeigt der Künstler zwei tief in ein Buch versunkene Kinder, die sich von der Phantasie beflügeln lassen und ihre imaginäre Welt erleben. Die Darstellung des Kinderpaares, welches an klassische Märchengestalten wie Hänsel und Gretel erinnert, nützt Tarek um in spielerischer Leichtigkeit mit unterschiedlichen Malstilen zu experimentieren. So verschmelzen im Bildvordergrund die mit Ölfarbe und präziser Linienführung ausgearbeiteten lesenden Kinderfiguren mit den abstrakten Strukturen des Waldweges, der flächige Charakter der dunklen Sprühfarbe in der Waldkulisse löst sich dagegen in naturalistisch gemalte Baumspitzen auf.

Wie bereits in seinen früheren mit Lötkolben ausgeführten Teppichzeichnungen, greift Tarek auch mit dem Gemälde YOU MAY HOUSE THEIR BODIES BUT NOT THEIR SOULS (2010) ein Werk, das Francisco de Goya zugeschrieben wird, auf. Dies Mal lehnt sich der Künstler an das Bild DER KOLOSS an und lässt seine Akteure ebenfalls in Übergrösse durch die Landschaft streifen. Tareks Kinder antworten aber auf das von Goya veranschaulichte Grauen des Krieges - mit Vertrauen und Liebe.


Ana Vujic, Dezember 2010


Abu Hageb holt sich Inspiration von Kindern

von Muriel Mercier, Basellandschaftliche Zeitung vom 4. Februar 2011


Betritt man die Galerie Guilaume Daeppen im Kleinbasel, fühlt man sich wie in einem Kinderzimmer. Der rosarote Panther lächelt von der Wand hinunter, Balu der Bär schwimmt im Wasser und Mowgli hat es sich auf dessen dicken Bauch bequem gemacht. Auch die Disney-Figur Winnie Puh ist auf den ausgestellten Bildern von Künstler Tarek Abu Hageb verewigt. In seiner laufenden Ausstellung "If I were only a child again" stellt der Künstler realistische Malerei Comiczeichnungen gegenüber. Grund: "Ich beobachte zu Hause, welche Figuren meine Kinder Lotta (5) und Maximilian (7) faszinieren und mit welchen Farben sie diese malen", erklärt er. "Dann versuche ich, mit meinen Bildern die Erwachsenen in die Welt der Kinder zurück zu holen."

Dies tut er, indem er den Kinderduktus und die Zeichnungen von seinem Nachwuchs in eigenwilligen Kompositionen mit Oelfarbe umsetzt. Nur kindlich seien die Motive allerdings nicht: "Die Hauptpersonen auf den Bildern kämpfen alle mit einem harten Schicksal. Mowgli wächst als Findelkind im Dschungel bei den Tieren auf und Dagobert hat dauern Angst um sein Geld", führt er aus. "Ich kann und will die Kinder nicht vor der Realität schützen."

"Schaukelpferd" vom Spielplatz" Neben der Comic-Bilder-Serie, kreiert Abu Hageb Konstruktionen aus Gegenständen von oder für Kinder. So das "Cheval de Troie", wie er sein Werk aus einem alten "Basler Böckli" nennt. Das Schaukelpferd habe einst auf einem Riehener Spielplatz gestanden. Altes Holz verbindet der Künstler mit neuem Material einer Kunstfaser für den Pferdeschwanz.

Warum er sich zurzeit vor allem mit der Kinderwelt beschäftigt, ist einfach: "Ich möchte Kindern mehr Präsenz geben. Denn wir Erwachsenen gehen davon aus, dass wir alles wissen." Abu Hageb ist überzeugt, dass die Kinder mit viel Wissen auf die Welt kommen. "Die Kinder bringen Lösungen mit", meint er.

Zu seiner Arbeit als Künstler kam Tarek Abu Hageb über verschiedene Stationen. Als 15-Jähriger sprayte der 38-Jährige seine erste Graffiti. Seit 2003 hat er nun einen Lehrauftrag für Graffiti, Zeichnen und Werken an der Schule Thomas Platter/Wettstein in Basel. "Mit meinem Unterricht möchte ich die Kinder unter anderem vom Computer-Bildschirm wegholen", erklärt er.

Die Besucher seiner Ausstellung in der Galerie an der Müllheimerstrasse geben Abu Hageb nur positive Rückmeldungen. "Das macht mir fast Angst. Klar habe ich etwas erreicht, wenn die Leute strahlen. Dann wächst halt meine Kunst anders weiter." Gleichzeitig zu "If I were only a child again" zeigt er im Kunst Raum Riehen unter dem Titel "Caramel" Werke, die er "mit dem Gedanken der Malerei mit verschiedenen Materialien" umsetzt. In nächster Zeit möchte er seine Kunst aber weiterhin den Kindern widmen. "Es gibt noch so viel Kindliches, das meine Kunst beheimaten wird", erklärt er. Tarek Abu Hageb ist ein Basler Bebi mit palästinensischer Herkunft, wie er selber sagt. Er wurde 1972 in der Stadt am Rhein geboren. Mit 23 Jahren besuchte er die Art School Basel (HGK), wo er im Jahr 2000 seinen Abschluss machte. Drei Jahre später erhielt er einen Lehrauftrag an der Schule Thomas Platter/Wettstein in Basel. Neben den Kindern, die seine Werke beeinflussen, ist er Liebharber des Malers Francisco de Goya. Zudem orientiere er sich an dem "Bestehenden". "Ich kann mich fragen, ob ich als Maler überhaupt noch etwas zu sagen habe. Alles wurde doch schon einmal gemalt. Aber nein, wir haben noch so viel nicht gesehen", ist Abu Hageb überzeugt.